Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim ist Mitglied der Deutschen Orgelstraße

'Erlebnis Orgel', das ist das Anliegen der Deutschen Orgelstraße und es war auch der Tenor eines Benefizkonzerts in der Bad Nauheimer Dankeskirche

Orgelmusik als Friedensstifter und Spendenmotor

Klassik, Klezmer und zwei Königinnen 'Erlebnis Orgel', das ist das Anliegen der Deutschen Orgelstraße und es war auch der Tenor eines Benefizkonzerts in der Bad Nauheimer Dankeskirche. Kirchenvorstand und Vorsitzender des Orgelbaukreises Dr. Volker Gräfe - in Vertretung für die Orgelstiftung Waldkirch - wählte dieses Konzert, um die Urkunde der Fördermitgliedschaft in der Deutschen Orgelstraße an Kantor Frank Scheffler zu überreichen.

„Orgelmusik verbindet Kulturen und Religionen, wozu dieses Konzert das beste Beispiel liefert. Wir wollen dazu beitragen, dass dieses wertvolle Kulturerbe weitergetragen wird und in unserer Kurstadt viele Menschen erreicht“, sagte Gräfe. „Klezmer meets Churchorgan“: Die weltbekannte „Queen of Klezmer“ Irith Gabriely (Klarinette und C-Saxophon) trat mit Frank Scheffler an der Walcker-Orgel sowohl in einen christlich-jüdischen als auch in einen höchst spannenden musikalischen Dialog. Bachs Flötensonate G-Moll, für Klarinette bearbeitet, und seine Arie „Wohl mir, dass ich Jesum habe“ aus der Kantate BWV 147 faszinierten in ihrer tiefen christlichen Religiosität, das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 ging dem Publikum zu Herzen. Die Mischung aus Musik von Bach, Corelli, Manchini, Swing und Walzer der 30er Jahre und den ebenso fröhlichen wie melancholischen Klezmerweisen zeigte deutlich, wie vielseitig die Orgel ist. In diesem Konzert verschmolzen die beiden Königinnen in der Perfektion des Spiels dank der großartigen Akustik der Dankeskirche zu einem Erlebnis der feinen Schwingungen.

Von der Stifterorgel zu Neubauplänen

Die Königin in der Bad Nauheimer Dankeskirche ist allerdings altersschwach und ziemlich zickig. Nie ist Kantor Frank Scheffler vor unliebsamen Überraschungen sicher. Einen Großteil der Pfeifen kann er nicht mehr stimmen, weil Arbeitsschutzbestimmungen dies verbieten. Von den ehemals 8000 Speichermöglichkeiten sind nur noch vier einsetzbar, Schimmel hat sich an den Holzpfeifen gebildet und die elektronischen Kontakte sind extrem störanfällig. Das Konzertrepertoire ist höchst eingeschränkt. Dennoch umschifft Scheffler so viele Klippen und Ausfälle wie möglich, denn er kennt das Instrument seit nunmehr 20 Jahren. Von einer Restauration des Instrumentes aus den 60er Jahren haben alle Sachverständigen abgeraten. Lediglich die großen Pfeifen aus der Ursprungsorgel von 1906, der Eichensockel und das 2011 rekonstruierte Fernwerk (nach Walcker 1906) sollten übernommen werden. So kann die Grundlage für ein nachhaltiges, qualitätvolles neues Konzept gelegt werden. Im Mai 2017 ist der Kirchenvorstand dann den zahlreichen Expertengutachten durch den Beschluss eines Neubaus gefolgt.

Als die Dankeskirche im Herzen der vom Jugendstil geprägten Kurstadt 1906 eingeweiht wurde, wollte der kunstsinnige Großherzog Ernst Ludwig die Orgel bauen lassen. Doch die dankbare Frau eines Kurgastes, Theodora Konitzky, kam ihm zuvor und stiftete das in der Königlich-Württembergischen Orgelwerkstatt E. F. Walcker gebaute Instrument. Es sollte „von bestem Material und modernster Technik“ sein. So erhielt die Orgel 46 Register, ein Fernwerk und eine Organola, eine Art Selbstspieleinrichtung. Damit blühte in Bad Nauheim die Kirchenmusik auf und wurde zum maßgeblichen Kulturbeitrag bis heute. In den 60er Jahren ließ der damalige Kantor Rainer Lille die Orgel von der Firma Walcker neu konzipieren und bauen, denn es waren Mängel aufgetreten und der deutsch-romantische Klang fand keine Wertschätzung mehr. Diese Lösung nach dem groben Vorbild einer Callinet-Orgel eröffnete auch die Chance, vermehrt französische Orgelmusik zu interpretieren. Damit war Lille als Orgelvirtuose maßgeblicher Impulsgeber für die ungebrochene Popularitätswelle französischer Orgelmusik in Deutschland. Das verbaute Material und die Konstruktion waren allerdings, wie bei vielen Orgeln aus dieser Zeit, nicht dauerhaft belastbar.

Projekt Große Orgel Dankeskirche

Im Dezember 2017 startete die evangelische Kirchengemeinde die Fundraising-Kampagne zum Bau einer neuen Orgel. Zahlreiche Fahrten des kirchenmusikalischen Ausschusses zu Orgeln in ganz Deutschland waren vorausgegangen und Gutachten eingeholt. Die Kirchengemeinde strebt aus finanziellen Gründen eine Zweistufenlösung an: In der ersten Ausbaustufe soll es eine sehr gut spielbare Version mit 29 Registern, zwei Manualen und technischen Verknüpfungen nach dem neuesten Stand der Technik geben. Die Kosten dafür sind mit rund 650.000 Euro kalkuliert. Die zweite Ausbaustufe mit 45 Registern kann je nach Spendeneingang auch später realisiert werden. Nach der Entscheidung im Kirchenvorstand hat sich ein Orgelbaukreis gegründet, der seitdem mit zahlreichen Spendenaktionen, Benefizkonzerten, Pfeifen- und Registerpatenschaften, Orgelprodukten und einer fundierten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt „Große Orgel Dankeskirche“ wirbt. Die Bevölkerung von Bad Nauheim, schon immer ein sachkundiges und dankbares Konzertpublikum, unterstützt das Anliegen, sodass bereits nach einem Jahr 180.000 Euro Spendengelder eingegangen sind. Sobald die Hälfte der erforderlichen Spenden, 325.000 Euro, zusammengetragen sind, kann die Kirchengemeinde den Antrag für den Orgelneubau bei der Landeskirche stellen und danach den Auftrag vergeben. Unter www.orgel-dankeskirche.de ist dies und noch viel mehr nachzulesen.

Der Beitritt zur Deutschen Orgelstraße ist vor allem im Hinblick auf das neue Instrument erfolgt. Denn Scheffler, der bereits an der Musikhochschule in Frankfurt, in Salt Lake City und Lima als Dozent tätig war, will die Orgel besonders für die junge Generation interessant machen. Bad Nauheim wird auch am Projekt 'Königskinder' teilnehmen. Ein Netzwerk aus Persönlichkeiten des Kultur- und Kirchenlebens, wie es die Deutsche Orgelstraße bietet, ist sowohl wichtig, um das Spendenziel zu erreichen als auch um später mit dem neuen Instrument eine breite Öffentlichkeit für Orgelmusik zu begeistern.

www.orgel-dankeskirche.de
mail(at)orgel-dankeskirche.de

Hanna v. Prosch