Johannes Adam: Schrott ist keine Lösung

Kolumne "UNTERM STRICH" der Badische Zeitung (Freiburg) vom 05.01.2018: Der Petersdom in Rom hat jetzt eine elektronische Orgel

Diese Kolumne namens „Unterm Strich“ hatNiveau. Für Schrott ist hier kein Platz. Aus aktuellem Anlass müssen wir heute leider eine Ausnahme machen. Aber der Reihe nach. Da erhob im vergangenen Dezember die Unesco den (deutschen) Pfeifenorgelbau zum Weltkulturerbe. Und dann wird eine Elektronenorgel angeschafft!

Nicht für irgendeine Dorfkirche in der Pampa, sondern – du ahnst es nicht – für den Petersdom in Rom! Ergo: Die Gralshüter der Pfeifenorgel, deren Klang „den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern“ vermag, wie es in einem vatikanischen Dokument so nett heißt, werfen ihre hehren Prinzipien über Bord.

Dem warmen, lebendigen Klang des Pfeifeninstruments wird der oft entsetzlich kalte, kunstferne, das Ohr beleidigende Digitalsound aus dem Lautsprecher vorgezogen – und das in Rom beim Papst. Geschmacksverirrung schlimmster Sorte ist zu diagnostizieren. Die Klangkiste kommt aus Amerika. Fabrikant: nicht weiter von Belang. Papst-Organist Juan Paradell-Solé, dem von dieser Stelle aus unser aufrichtiges Mitleid gilt, wurde an der neuen Gerätschaft eingewiesen. An Heiligabend und bei der päpstlichen Vesper zum Jahresschluss war das Ding bereits zu hören.

Und warum der ganze Spuk? Weil, so heißt es, der Petersdom als größter Kirchenraum derWelt schwer zu beschallen sei. Die vorhandene Pfeifenorgel reicht nicht für den Gesamtraum. Klar, dessen Baumeister haben kaum an Orgeln gedacht. Seltsam, dassman das in Romwohl erst in unseren Tagen richtig begriffen, daraus aber falsche Konsequenzen gezogen hat. Man möchte auch das Langhaus für Papstgottesdienste nutzen. Zudemsoll die Soundmaschine auf dem Petersplatz oder an anderen vatikanischenOrten einsetzbar sein. Bei Großereignissen. Neue Anforderungen verlangten neue Lösungen, so einVatikansprecher. Ein brisanter Satz – wenn man ihn auf den immer eklatanter werdenden Priestermangel und die XXL-Pfarrgemeinden überträgt.

Schrott ist jedenfalls keine Lösung.

Quellenangabe: Badische Zeitung (Freiburg), 05.01.2018